Michel Ziegler macht die Schweiz zum handgezeichneten Horrorspiel

In rund 2000 Metern Höhe thront die Gipfelspitze des Piz Mundaun über den Kanton Graubünden im Herzen der Schweiz. 300 Einwohner zählt das Dorf Mundaun am Fuße des gleichnamigen Berges. Fotos aus dieser Gegend zeigen alpine Idylle: grüne Wiesen, zufriedene Kühe und lachende Touristen aus dem nahegelegenen Skigebiet.

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Der Berg Piz Mundaun in der düsteren Vision des Spiels von Michel Ziegler. (Bild: Hidden Fields)

Auf den ersten Blick erscheint es geradezu paradox, dass der Spieleentwickler Michel Ziegler ausgerechnet diese Landschaft als Inspiration für sein Horrorspiel Mundaun gewählt hat.

Fragt man ihn, wo er den Grusel in der Schweizer Idylle sieht, beginnt sich dieser scheinbare Widerspruch allerdings schnell aufzulösen: „Die Landschaften, welche mich inspirieren sind größtenteils von großer Schönheit, aber eine solche Idylle deutet für mich auch immer Abgründe an.

Da gibt es die Jahrhunderte alten Häuser, Ställe und Kapellen aus geschwärztem Holz und Stein, verlassene Bunkeranlagen, Bergseen. Für mich schwingt da schon etwas Unbehagliches und Verlassenes mit, und das versuche ich in Mundaun zu vermitteln.“

Doch es sind nicht nur die Motive der Verwahrlosung, der Einsamkeit und des Verfalls, mit denen Michel Ziegler Furcht und Unbehagen wecken will: Die gesamte Spielwelt von Mundaun ist in tiefe schwarz-weiß-Kontraste getaucht. Alle Kulissen, Gegenstände und Personen sind mit Bleistift handgezeichnet.

Auf seinem Blog erklärt Ziegler, wie der aufwendige und einzigartige Prozess funktioniert, der beim handgezeichneten Bild beginnt, das dann eingescannt, stellenweise radiert, neu gezeichnet und schließlich mit Hilfe der Unity-Engine in die dreidimensionale Spielwelt übertragen wird.

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The Colony ist das Abschlussprojekt seines Illustrationsstudiums und gleichzeitig erstes kommerzielles Spiel von Michel Ziegler. (Bild: Hidden Fields)

Das Ergebnis ist bemerkenswert und verleiht selbst mondänen Einrichtungsgegenständen wie Wanduhren, Kuchenschränken oder Tischen einen schaurigen, fast unwirklichen Anstrich.

Und auch die notwendige Zeit, all diese Details und Eindrücke auf sich wirken zu lassen, haben die SpielerInnen reichlich zur Verfügung, denn die Präsentation von Mundaun erinnert an die sogenannten Walking Simulators: Die Erkundung der Spielwelt im eigenen Tempo steht neben dem Lösen von Umgebungsrätseln, aber auch dem Kampf ums Überleben in der alpinen Welt im Vordergrund.


Aber was verschlägt uns eigentlich in die grausige Spielwelt von Mundaun? Als Grund für unsere Reise in die Schweiz präsentiert uns das Spiel den mysteriösen Tod des Großvaters, der bei einem Feuer in Mundaun — unserer Geburtsstadt — ums Leben gekommen sein soll. Um den Tod aufzuklären, kehren wir in die Stadt unserer Kindheit zurück. Eine klassische Prämisse für eine Horrorgeschichte, die Ziegler im Interview mit OK COOL nur zögerlich mit anderen Videospielen vergleichen will.

Zwar schlage Mundaun eher in die Sparte des psychologischen Horror eines Silent Hills, statt sich am Körperhorror von Resident Evil zu ergötzen. Doch viel lieber ist es dem Entwickler, Mundaun in die Nähe der eigentlichen Stimmungsvorbilder zu rücken: Schweizer Sagen, alte Photographien — und die bekannte Novelle „Die Schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf, eine Schauergeschichte über ein kleines Dorf, in dem christliche Vorstellungen von Gut und Böse miteinander ringen.

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Seit 2014 arbeitet Michel Ziegler nun schon an Mundaun, zunächst alleine, seit 2016 gemeinsam mit der Autorin Gabrielle Alioth. Mittlerweile hat Ziegler auch ein eigenes Entwicklerstudio namens Hidden Fields gegründet.

Die Arbeit an seinem Spiel ist für den studierten Illustrator zum Vollzeitjob geworden, was laut Ziegler vor allem durch Schweizer Fördergelder ermöglicht wurde: „Insbesondere die Kulturstiftung Pro Helvetia macht sehr viel für die Schweizer Gameszene. Neben Produktionsbeiträgen organisiert sie auch regelmäßig Delegationen an diverse Messen und Festivals, was den Austausch und die Vernetzung unter Schweizer Gamemachern stark fördert.“

Dennoch sei die Infrastruktur der Schweizer Gamesbranche sicherlich noch immer ausbaufähig, wie Ziegler ergänzt. Gleichzeitig wären bereits Initiativen im Gange, um Spiele auch in den Augen der Schweizer Politik einen höheren Stellenwert zuzuschreiben und damit langfristig auch die Förderungsmöglichkeiten für die noch junge Branche zu verbessern.

Für den jungen Entwickler steht nun aber erst einmal der Release seines Projektes bevor: Die Veröffentlichung von Mundaun ist für das Frühjahr 2019 geplant, Interessierte können die Entwicklung des Spiels auf dem offiziellen Entwicklerblog verfolgen und sich den Titel bereits via Steam vormerken, um den Horror-Trip in die düstersten Ecken der Schweiz nicht zu verpassen.