The Mane Quest: Wie Alice Ruppert Pferde und Spielejournalismus zusammenbringt

Wann immer eine Spielwelt noch nicht die Welt der Automobile für sich entdeckt hat, gehören Pferde  oftmals zu den besten Freunden des Menschen: Als persönliches Transportmittel, das auf Zuruf pflichtgetreu zum Dienst erscheint, hilft es SpielerInnen bei der schnellen Durchquerung der virtuellen Welt und verlangt im Gegenzug weder Futter noch Wasser. Das Pferd als Fahrrad, nur bequemer.

Doch es gibt ein Refugium für SpielerInnen, die von ihren Pferden noch mehr als reine Funktionalität verlangen: Sogenannte „Pferde-Sims“ erheben die Vierbeiner zum besten Freund des Menschen, der regelmäßig gekämmt, gebürstet, gefüttert und ausgeritten werden will.

Beide Darstellungsweisen visieren augenscheinlich ganz unterschiedliche Zielgruppen an, aber warum ist das so? Wo sind die AAA-Pferde-Umsorg-Simulationen? Und welche Spiele machen die EnticklerInnen, die früher Pferde-vernarrt waren, eigentlich heute? Diese und noch einige mehr Fragen stellt sich Alice Ruppert — und seit einigen Wochen haben ihre Gedanken und Überlegungen nun auch ein nachlesbares Zuhause: The Mane Quest.

Alice Ruppert: „Ich liebe das Konzept des Pferdes als ‚Companion‘. Agro von Shadow of the Colossus und Epona von Twlight Princess sind da meine Lieblingsbeispiele. Beide Tiere sind sind ein wichtiger Teil der Story, und unersetzlich für den jeweiligen Protagonisten.“

„Mein Interesse an Pferden hatte ich einfach schon immer. Ich reite regelmäßig, seit ich etwa acht bin, also seit 18 Jahren“, erklärt Alice im Interview mit OK COOL. Mit dieser Leidenschaft sei die damalige Teenagerin allerdings immer alleine geblieben. Gespräche über Pferde und die Feinheiten der Reitkunst wären außerhalb des Stalls schlichtweg unmöglich gewesen. Trotzdem hatte die junge Alice schließlich eine Reflexionsebene für sich entdeckt: „Ich spiele schon mein Leben lang Videospiele und man hat dann natürlich automatisch Freude dran, wenn Pferde dort halbwegs gut umgesetzt sind. Und sobald man die Bewegungen eines Pferdes etwas kennt, kann man nicht anders, als Fehler zu sehen, wenn mal etwas nicht gut animiert ist.“

Die Darstellungen von Pferden waren also schon immer eine Linse, durch die Alice Videospiele konsumiert hat — doch bevor sie schlussendlich mit The Mane Quest eine eigene Plattform für ihre Beobachtungen haben sollte, wagte sie erst einmal selbst den Schritt in die Spielebranche: Die heute 26-jährige arbeitet heute als Lead Game Developer für den Hersteller AirConsole, wo sie Spiele in einem Zwei-Personen-Team entwickelt und gleichzeitig andere bei ihrer Entwicklungsarbeit coacht.

Ein abwechslungsreiches Kunterbunt aus Unity Gameplay Programming, Game Design, Project Management, Playtesting, Marketing und Qualitätssicherung beherrschen ihren beruflichen Alltag.


Trotz dieser umfangreichen Herausforderungen im Beruf war aber noch immer Platz für etwas Neues. Ein eigenes Projekt, das Alices langjährige Leidenschaft für Pferde mit Videospielen verbinden sollte: „Ich bin seit ein paar Jahren recht aktiv auf Twitter und habe irgendwann festgestellt, dass es Leute interessiert wenn ich dort über Pferde in Games rede. Tweets wie dieser waren definitiv Motivation, um da mehr draus zu machen. Ich hab dann immer wieder einzelne Leute gefunden, die sagten ‚Wow, ich reite auch und liebe es, mich über Pferde in Videospielen zu unterhalten!‘. Ich wollte diese Leute ansprechen, weil ich mir zunehmend sicherer wurde, dass es mehr von uns gibt, als man auf den ersten Blick denken würde.“

Und so begannen die Vorbereitungen für den Launch von The Mane Quest, eine Website, die BesucherInnen mit Interviews, Analysen, Reviews und Reportagen in die erstaunlich komplexe Welt der virtuellen Pferde einführt. Doch es ist nicht nur der Anspruch, Spielejournalismus um eine neue Perspektive zu erweitern, der Alice zu ihrer Arbeit motiviert — sie will der Spieleindustrie demonstrieren, dass es da draußen eine Zielgruppe gibt, für die detailreiche und realistische Pferde-Darstellungen ebenso wichtig sind, wie für andere SpielerInnen ein Schnellreisesystem, ein Multiplayer-Modus oder der Verzicht auf Lootboxen.

„Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass die Zielgruppe von Pferdeinteressierten Gamern unterschätzt wird. Spiele, bei denen es um Pferde geht, wirken leider oft billig und wurden von Leuten entwickelt, die sich entweder nicht wirklich mit dem Thema auseinandersetzen wollen oder nicht die Zeit und das Budget haben, es zu tun. Es gibt kein Indie Game Revival der „Horse Management Sim“, wie es Stardev Valley zu Harvest Moon oder Cities: Skylines zu SimCity gibt. Ich glaube aber, dass dafür das Publikum existiert – und The Mane Quest soll unter anderem diese Annahme beweisen und dieses Publikum zu finden.

 

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