Ich glaube nicht, dass ich Iron Meat durchgespielt hätte, wenn ich alleine gegen diese Spielwelt angetreten wäre: Zu viele Gegner, zu viele Abgründe, zu viele Fallen, viel zu wenige Versuche bis zum Game-Over-Bildschirm. So ein dummes Spiel. Aber dann bekam ich Verstärkung und begriff, dass ich Iron Meat die ganze Zeit falsch gespielt hatte. Klingt wie die Überschrift eines platten Fachpresse-Artikels, aber meine ich ganz ernst. Was für ein fantastisches Spiel.
Aber der Reihe nach.
Das Kalenderblatt zeigt den 25. September 2024: Der Pole Ivan Valeryevich Suvorov drückt nach jahrelanger Arbeit endlich den großen, grünen Knopf und veröffentlicht Iron Meat – ein pixeliger Arcade-Shooter, in dem Superkrieger eine monströse Alieninvasion vom Mond zurückschlagen müssen. Die Laufrichtung zeigt von links nach rechts, ein Abschuss bedeutet ein verlorenes Leben, nach rund 15 Versuchen ist Schluss, Game Over, knallhart.
Das Spiel ist erkennbar von den großen Genreklassikern der 90er Jahre inspiriert: Contra, Metal Slug, all diese Spiele, die wir heute so liebevoll romantisieren und dabei ganz vergessen wie besch***** sch**** d***** schwer und frustrierend diese Dinger waren. Und Iron Meat will dazugehören und all jene SpielerInnen abholen, die sich seit 25 Jahren nur über wenig Nachschub aus dieser Ecke des Spielregals freuen durften.
Die gute Nachricht dabei ist: Ivan Valerywvich Suvorov hat mehr nur als nur ein Abziehbild der 90er programmiert. Sein Spiel is eine Hommage mit eigener, starken Identität. Denn im Kontrast zu den angegrauten Vorbildern suhlt sich seine Spielwelt nicht in der Bildsprache des Actionkinos, sondern des Horror-Genres. Aufregend!!
Eklige Aliens & tödliche Streifschüsse
Iron Meat erzählt die Geschichte des verrückten Wissenschaftlers (Klischee!) namens Ivan (Gastauftritt Entwickler!), dem ein Experiment missglückt und damit die Erde einer Monstrosität ausliefert, die die Weltbevölkerung in fleischfressende Zombies, Tentakel und skelettierte Schießprügel verwandelt.
Die Auswirkungen dieser Invasion beherrschen nicht nur die kurzen, hübschen Zwischensequenzen, sondern außerdem jeden einzelnen Level, jeden Hintergrund, jeden Meter, den wir kämpfend zurücklegen: Während ich Projektilen ausweiche, kämpfen Soldaten im Hintergrund um ihr Leben, werden von Fleischtentakeln zerquetscht, opfern sich für ihre Kameraden oder stürzen dramatisch in den Tod.

Es ist eine ganz eigene Herausforderung, sich nicht von all diesen dystopischen Dioramen ablenken zu lassen, während man versucht, möglichst unbeschadet bis zum Bossgegener der knapp ein Dutzend Level vorzudringen. Und das ist alles andere als leicht.
Hier und da habe ich das Spielprinzip von Iron Meat ja schon durchblitzen lassen, aber ich sag’s gern noch mal ganz ausdrücklich: Ziel des Spiels ist es, möglichst unbeschadet nach ganz rechts zu kommen – klingt ein bisschen nach der CDU, ist aber gleichzeitig auch das unkaputtbare Spielprinzip dieses Genres seit fast 400 Jahren.
Die Herausforderung dabei: Jeder Treffer, den ein Gegner landet, kostet uns ein Leben, nach rund 15 Treffern ist Schluss. Noch schlimmer: Unterwegs können mächtige Waffen und Upgrades aufgesammelt werden, die allerdings sofort aus den Händen der Spielfigur verschwinden, sobald sie ein Leben verloren hat. Profis wechseln kurz vor dem Treffer auf den zweiten Waffenslot und „retten“ so ihre Upgrade-Waffe, die restlichen 98% der Weltbevölkerung schreien laut auf, ärgern sich, reißen sich wieder zusammen und machen weiter. Iron Meat ist mentaler Ausdauersport.
Und ich dachte wirklich, ich sei für diese Sportart bereit.
Wie gemacht für die gemeinsame Couch
Ich kaufte mir Iron Meat, weil es zwei Dinge hat, die mir sehr gut gefallen: Hübsche Pixel und Horrorkram. Nicht mal eine Spielstunde später musste ich aber feststellen: Das ist leider doch nix. Das Spiel ist grausig-schön, die Hintergründe der einzelnen Level detailverliebt, aber der Schwierigkeitsgrad ist für mich zu hoch.
Allerdings sind meine mangelnden Fähigkeiten nur ein Teil des Problems: Die so schönen Hintergründe sind manchmal nur schwer lesbar. Nicht immer ist klar, welche Balkons, Geländer, Treppenaufstiege und Barrikaden nur dekorative Hintergrundelemente sind und welche ich tatsächlich zum Vorankommen nutzen kann. Dazu gibt es noch den ein oder anderen Lag, der es NOCH schwieriger macht, den tausenden Projektilen auf dem Bildschirm auszuweichen und den ein oder anderen Bosskampf, der eine Phase zu viel hat, um bewältigbar zu erscheinen und schon ist das „Was für ein Fehlkauf!!“-Gezeter perfekt.
Und dann bekam ich Hilfe.
Ein guter Freund besucht mich auf eine kühle Cola und aus einer Laune heraus schlug ich ihm vor, dass wir uns noch einmal gemeinsam an Iron Meat versuchen. Und was soll ich sagen: Das Spiel war nicht mehr wiederzuerkennen.

Weder Levelstruktur noch Gegnerhäufigkeit verändern sich, sobald ein zweiter Controller angeschlossen wird, aber jetzt bekam ich das Gefühl, das Spiel so zu erleben, wie es eigentlich gedacht war: Zu zweit konnten wir uns vor Projektilen warnen, Tipps austauschen, Lektionen nach einem verlorenen Bosskampf miteinander teilen und nicht zuletzt – Mut zusprechen, wenn dieser oder jener Level wieder einmal unmöglich und unspielbar erschien.
Gemeinsam spielten wir Iron Meat an zwei langen Abenden durch, experimentieren mit den neuen freigeschalteten Spielmodi, die alle Level spiegelverkehren oder jedes Feature bis ins kleinste Detail anpassen lassen und jubelten noch am nächsten Tag im WhatsApp-Chat über unseren Erfolg.
Iron Meat ist kein perfektes Spiel, aber das richtige Spiel für einen perfekten Abend zu zweit. Wenn ihr also diesen zweiten Menschen kennt und habt, schnappt euch ein kühles Getränk und genießt dieses gemeinsame Abenteuer. Es ist nichts weniger als eine Liebeserklärung an die Couch, das sich auch vor den großen Namen des Genres nicht verstecken muss.
Iron Meat
PC, PS5, XBOX, Switch – 20€
