Mein zufälliges Wiedersehen mit einem alten Bekannten

Ich stehe in einem bunt-kariert gefliesten Raum. Schlecht abgemischter Rock dröhnt aus den Boxen in der Zimmerecke, um mich herum irren die Umrisse anderer Menschen durcheinander. Sieht nach Hausparty aus, und zwar eine, die ich am liebsten nach 20 wohlwollenden Minuten wieder verlassen würde, um mir auf dem Nachhauseweg einen Döner zu schnappen und dann den restlichen Abend mit meiner Couch, meinen Katern und ein paar Soßenflecken auf dem Pulli beenden würde. 

Aber ich darf nicht gehen, denn ich bin in Life of the Party der Gastgeber. Und das verpflichtet: Ich muss die Laune hoch halten, aufmerksam sein, mich mit den Gästen unterhalten und mir im Notfall irgendwelche harmlosen Gesprächsthemen aus den Fingern saugen. Hier geht es nicht um tiefsinnige Streitgespräche, stattdessen soll ich den Menschen nach dem Mund reden: Habe ich ein Gesprächsthema in petto, das mein Gegenüber interessiert, sorge ich für gute Stimmung. Wenn nicht, verlasse ich im Rückwärtsgang das Grüppchen und komme später wieder. Im Notfall zücke ich mein Handy und suche mir eben händisch Gesprächsthemen. 

Hübsch anzusehen ist Life of the Party sicherlich nicht, aber die Social-Simulation macht durchaus Spaß, sobald die Regeln in Fleisch und Blut und Mausfinger übergegangen sind. 

Hier könnte dieser Text eigentlich schon enden. Dann allerdings entdeckte ich zufällig, wer Life of the Party eigentlich gemacht hat. Und tatsächlich ist es ein alter Bekannter: Mark J. Hadley. Der Typ, der mir und hunderttausenden anderen Menschen vor rund acht Jahren mit einem damals einzigartigen Spiel eine Höllenangst gemacht hat. Ein Spiel, das zwei Kinofilme, hunderte Kurzgeschichten und Fan-Videos nach sich zog. Gemeint ist, na klar: Slender: The Eight Pages.

Acht Jahre zuvor

Slender: The Eight Pages erschien im Juni 2012 als Gratis-Download, nach ein paar Minuten stürzte die offizielle Website auch schon ab. So groß war der Andrang auf den Titel, der die Hauptfigur eines damals unglaublich populäre Internet-Märchens zum Videospielgegner machte: den Slender Man.

Was hatte ich Angst vor diesem hageren Stalker im Anzug. Und damit war ich nicht alleine: Ursprünglich als Beitrag für einen Fotomontage-Wettbewerb eingereicht, wurde der Slender Man schnell zum Liebling der Horror-Community der frühen 2010-er Jahre. 

Binnen weniger Tage wurde aus dem Foto-Motiv eine echte Gruselpersönlichkeit mit unverwechselbaren Aussehen und Verhalten: Eine menschenähnliche, aber auffällig hagere Gestalt mit unnatürlich langen Extremitäten, gekleidet im schwarzen Anzug, die aus der Ferne regungslos ihre Opfer anstarrt, um sich dann direkt hinter sie zu teleportieren (wirklich!) und zu töten. Slender: The Eight Pages, das SpielerInnen zum Versteckspiel mit dem Slender Man zwingt, galt damals als Must-Play und heute als Horror-Klassiker. Und hinter diesem Spiel steckte einzig und allein der Amerikaner Mark J. Hadley, der uns 2020, acht Jahre nach seinem Gruselerfolg, zum überforderten Gastgeber einer Hausparty macht.

Ein farbenfrohes Portfolio

Obwohl Slender: The Eight Pages zu meinen Spiel-Highlights 2012 gehörte und ich vielen, vielen Freunden in den Ohren lag, das Gruselspiel zumindest mal auszuprobieren, habe ich die Karriere von Hadley nie weiter verfolgt. Auch die Slender-Fortsetzung, Slender: The Arrival, das schon ein Jahr später erschien, ging völlig an mir vorbei. Umso schöner war es nun, acht Jahre später wieder zufällig über ihn zu stolpern und festzustellen, wie bunt sein Games-Portfolio mittlerweile ist. 

Seit 2010 macht er bei dem jährlich veranstalteten GameJam Ludum Dare mit und stellt dort ausgesprochen abwechslungsreiche Spiele vor: Mal ein Wettaufladen des Handy-Akkus gegen die Zeit, mal ein Jump’n’Run mit einer Katze in der Hauptrolle, mal eine verstörende Neuinterpretation der Hase-Wolf-Fabel. Viel erinnert bei diesen Themen nicht mehr an die Zeit, als Mark J. Hadley ein Promi der Online-Horror-Szene war. 

So richtig gruselig-bizarr, wie ich es eigentlich von seinen Spielen erhofft hatte, wurde es aber erst dann noch einmal, als ich ihm eine Interviewanfrage schickte: Auf meine Mail folgten insgesamt vier Lesebestätigungen, eine automatisierte Nachricht, die mich um Geduld bat und schließlich eine Antwort ohne Inhalt. Nicht unbedingt das Gänsehaut-Niveau, auf dem sich Mark J. Hadley vor rund acht Jahren noch bewegte, aber nach so langer Zeit nehme ich eben, was ich kriegen kann.